Aus einem anderen Leben: vom Elternsein

Aus einem anderen Leben: vom Elternsein

Aus einem anderen Leben: vom Elternsein

Von Anja Polaszewski: Im August 2013 wurde unsere Autorin Anja Polaszewski zum ersten Mal Mutter – es bedeutete von jetzt auf gleich ein komplett anderes Leben. Wie sich das anfühlt? Wissen nur Eltern – und wirklich nur die. Anja berichtet.

 

Vorbereiten auf das Muttersein? Geht nicht.

Nichts und niemand kann Dich vorher auf ein Leben mit Kind vorbereiten. Weder Erfahrungsberichte noch die Schwangerschaft selbst: Da sitzt du als Hochschwangere bei Kaffee und Tee mit deiner Freundin, die schon zwei kleine Kinder hat. Die beiden Minis toben wild herum, du denkst: Meine eigenen werde ich aber später mal besser im Griff haben. Deine Freundin klagt, wie müde sie ist, wie anstrengend „das alles“ ist, jammert wirklich herzzerreißend. Manchmal würde sie den Mutterjob am liebsten „an den Nagel“ hängen.

Einen Moment später: Der zweijährige Sohn küsst die vierjährige Schwester schmatzend auf den Mund und umarmt sie gaaanz fest. „Oh, mein Herz geht auf. Hast Du das gesehen?“, ruft Deine Freundin aus und strahlt bis zu den Ohren. Nicht zu fassen, denkst Du Dir, eben wollte sie nicht mehr Mutter sein. Die Frau kann man doch nicht ernst nehmen. Du hörst aber zu und nickst erst einmal milde lächelnd. Na bitte, das kann doch so wild alles gar nicht sein. Man wächst doch schließlich mit seinen Aufgaben, muss nur gut vorbereitet sein, einfach lässig und entspannt genug. Wie naiv ich doch war.

 

Vier Dinge, die Dein Leben komplett auf den Kopf stellen

Heute bin ich selbst zweifache Mutter. Und erst seitdem ich Kinder habe, verstehe ich das alles. Die totale Verantwortung für einen anderen Menschen zu haben, ist zweifelsohne eine ehrenvolle Aufgabe. Es bedeutet Glück, ganz klar; aber dann sind da auch noch all die Dinge, die im vorgeburtlichen Leben einfach unvorstellbar sind, weil man sie schlichtweg nicht einschätzen kann. Voilà.

 

Nummer Eins: unglaubliche Müdigkeit

Nein, Stress im Job ist nichts dagegen, versprochen. „Was hast Du denn, Du siehst doch gut aus?“ Unausgesprochen: „Kann doch nicht so schlimm sein.“ An alle Nichtmütter: Der Körper gewöhnt sich an alles – auch an Schlafentzug.

 

Nummer zwei: gnadenlose Angst

Wird das Kind überleben? Werde ich das alles schaffen oder kläglich versagen? Und dann liegst oder sitzt du nachts da, neben diesem kleinen, wunderschönen Wesen und hörst auf jeden Atemzug. Du kannst nicht einschlafen. Hoffentlich erstickt er nicht. Du hast Tränen in den Augen, manchmal steigt sogar leichte Panik auf. Hör auf mit dem Quatsch, sagst Du Dir, da passiert schon nichts. Vielleicht hilft autogenes Training? Und doch bleibt die Sorge. Und zwar immer. Und wahrscheinlich für immer, für den Rest Deines Lebens.

 

Nummer Drei: unfassbarer Nervenverlust

Wenn das Kind auf einmal die Brust verweigert (Du hast noch nie von „Stillstreiks“ gehört.), sich an einer Dinkelstange verschluckt (kaum ein Kind erstickt tatsächlich beim Essen, über Babys supertolle Reflexe hat dich keiner informiert), Dir Karotten um die Ohren schmeißt (und Du nach dem gefühlt tausendsten Mal sauer wirst, weil Du Gemüse im Haar jetzt einfach so richtig satt hast). Dein Küchenboden wird womöglich für immer klebrig bleiben. Dein Partner sagt: „Ist doch alles nicht so schlimm, Süße.“

Und genau das bringt das Fass zum Überlaufen. Du heulst und sagst: Ich will mein Leben zurück! Natürlich hättest Du zwischendurch irgendwann kurz Zeit, dir die Haare zu machen. Du hast nur gerade überhaupt keine Energie und willst einfach nur irgendwo sitzen und gar nichts tun. Also machst Du Dir erst mal den „Mütterdutt“ …

 

Nummer Vier: grenzenlose Liebe

Wenn Dein Kind das erste Mal lacht, wenn es zum ersten Mal Deine Hand nimmt, wenn es sich im Schlaf an Dich kuschelt. Wenn es sich freut – mit dem ganzen zarten Körperchen, mit den Ärmchen wedelnd und quieksend. Unbändig, ehrlich, rein. Auch das kanntest Du bisher nicht. Dir geht das Herz auf. Du schmilzt dahin. Auf diese Art hast Du noch nie geliebt.

Ich stoße jeden Tag an meine Grenzen, in jede nur erdenkliche Richtung. Meine Kinder kitzeln das Beste, aber auch das Schlechteste aus mir heraus. Und nur sie schaffen das. Wenn es richtig wild ist, denke ich daran: Es ist alles nur eine Phase. Die mehr oder weniger lange dauert; auf Regen folgt bekanntermaßen Sonnenschein. (Dass auf die eine Phase dann die nächste folgt, verdränge ich in diesen Momenten recht erfolgreich …)

Eltern ist man nicht, Eltern wird man – und zwar ganz allmählich. Vorbereiten kann man sich darauf nicht. Ist so. Vor der Geburt meines ältesten Kindes dachte ich, ich würde mich total verändern. In gewisser Weise habe ich das auch, aber im Kern bin ich immer noch die Anja, die ich früher war. Nur, dass ich jetzt eben Mutter bin und jetzt wirklich weiß, was ein „Wechselbad der Gefühle“ ist. Und meine innig geliebten Kinder niemals missen möchte.